LEADERSTALK mit Heike Aiello, President-Elect der ICF-Germany

– Die Interviewreihe rund ums Thema Leadership von und mit FUTURE-Trainerin Susanne Plaschka.
Ein Gespräch, das zeigt: Führung beginnt innen – und wirkt nach außen.


Susanne Plaschka:

Heike, wir kennen uns ja schon einige Jahre – erst über den ICF, jetzt wieder ganz aktuell beruflich. Du bist Unternehmerin, Trainerin und Coach seit über 20 Jahren. Kannst du dich noch erinnern, was damals dein Motiv war, diesen Weg zu gehen?

Heike Aiello:

Ja, daran erinnere ich mich sogar sehr genau. Nach meinem Studium habe ich in den Niederlanden in einem Konzern einer Fluggesellschaft gearbeitet. Es war ein großartiges Unternehmen, und gleichzeitig habe ich dort etwas gesehen, das mir später oft wieder begegnet ist: Viele Menschen lassen ihre Leidenschaft im Arbeitsalltag zurück.

Mir kam damals das Bild, dass Menschen morgens ihre Leidenschaft an der Garderobe abgeben, arbeiten – und abends wieder Mensch werden. Das hat mich tief bewegt. Ich habe mich gefragt: Warum gestalten wir Organisationen nicht so, dass Menschen dort wachsen, aufblühen und Freude erleben können?

Diese Frage hat mich schließlich dazu gebracht, das Unternehmen zu verlassen, einen MBA in Südafrika zu machen und mich danach selbstständig zu machen – mit dem Fokus auf Führungskräfte und Mitarbeitende, die sich Entwicklung und echtes Menschsein im Arbeitskontext wünschen.


Susanne Plaschka:

Du sprichst vom „Menschsein“ im Unternehmen. Was bedeutet das für dich konkret?

Heike Aiello:

Ich orientiere mich da stark an einem Grundsatz der International Coaching Federation: Humans are resourceful, creative and whole. Menschen sind voller Ressourcen, kreativ und ganz.

Für mich heißt Menschsein im Unternehmen, dass Menschen wachsen wollen und sich einbringen möchten. Organisationen sind letztlich nichts anderes als Geflechte von Beziehungen. Wenn diese Beziehungen lebendig sind, entsteht echte Entwicklung.


Susanne Plaschka:

Wenn du auf die letzten 20 Jahre schaust: Was hat sich aus deiner Sicht in der Führung am stärksten verändert?

Heike Aiello:

Kurz gesagt: Es ist alles deutlich komplexer geworden. Unsere Arbeitswelt ist heute viel volatiler, unsicherer, komplexer und mehrdeutiger – VUCA eben.

Hinzu kommen Bildschirmarbeit, Homeoffice, eine Aneinanderreihung von Meetings, wenig körperliche Bewegung. Ich sage meinen Coachees oft: 50 Minuten sind die neue Stunde. Alles, was in 60 Minuten geht, geht auch in 50 – und der Körper braucht diese Unterbrechungen.

Und dann ist da noch diese permanente Hintergrundbelastung durch Weltlage, wackelnde Lieferketten, Fachkräftemangel. Das alles schwingt ständig mit.


Susanne Plaschka:

Was braucht Führung heute, um mit dieser Dauerkomplexität umzugehen?

Heike Aiello:

Für mich ist Klarheit ein ganz zentraler Punkt – auch wenn sie begrenzt ist. Ich spreche gern von „50 Metern Sicht im Nebel“.

Führung heißt heute, Orientierung zu geben auf Basis dessen, was ich jetzt weiß. Und das auch transparent zu machen. Gleichzeitig geht es darum, Mut zu machen, Entwicklung zu ermöglichen und Verantwortung einzufordern.

Ich finde es wichtig, dass Dinge einen Anfang und ein Ende haben. Menschen brauchen diese Spannungsbögen, sonst verlieren sie sich in Endlosschleifen.


Susanne Plaschka:

Das betrifft ja nicht nur Führungskräfte, sondern auch Mitarbeitende. Was gibst du ihnen mit?

Heike Aiello:

Selbstführung. Ganz klar. In dieser Überfülle an Informationen, Reizen und Anforderungen braucht es innere Klarheit.

Viele Menschen fühlen sich fremdgesteuert. Und das kostet enorm viel Energie. Wenn ich weiß, was ich will, kann ich klarer sprechen, besser Grenzen setzen und auch als Nicht-Führungskraft Führung mitgestalten.


Susanne Plaschka:

Du hast vorhin deinen eigenen Reifungsprozess als Leaderin angesprochen. Wie würdest du den beschreiben?

Heike Aiello:

Ich erkenne mich sehr in einem Phasenmodell wieder. Am Anfang steht dieses: Wie überlebe ich hier eigentlich? Was braucht es, um in diesem Kontext erfolgreich zu sein? Alles ist neu, alles ist viel – eine intensive Entdeckungszeit.

Dann kommt die Frage: Wie mache ich das besser? Wie entwickle ich meine Methoden? Und irgendwann verschiebt sich der Fokus: Wie mache ich es gut mit anderen zusammen?

Später entsteht der Wunsch nach größerem Impact. Bei mir war das zum Beispiel mein Buch, mein Engagement im Ehrenamt oder Gespräche wie dieses hier.

Und irgendwann taucht dann die Frage auf: Was möchte ich hinterlassen? Das wird dann meine zukünftige Herausforderung, aber jetzt fühle ich mich noch mittendrin im Geschehen.


Susanne Plaschka:

Du bist im Prozess zur Master Certified Coach (MCC). Was hat dieser Weg in dir verändert?

Heike Aiello:

Der MCC-Prozess ist kein reines Lernen mehr mit dem Kopf. Er fordert einen tiefen inneren Reifungsprozess.

Ich musste mich viel stärker mit mir selbst auseinandersetzen – mit meinen Annahmen, Glaubenssätzen, blinden Flecken. Meditation, Introspektion, Präsenz wurden zentral.

Heute bin ich anders im Coaching: verbundener, weniger im Kopf, mehr im Vertrauen. Oft höre ich von Klient:innen: Hier kann ich einfach sein. Das berührt mich sehr.


Susanne Plaschka:

Du hast auch an unseren FUTURE-Kontemplationstagen teilgenommen. Was hast du daraus mitgenommen?

Heike Aiello:

Diese Tage der Stille haben mir geholfen, tief in Resonanz mit mir selbst zu gehen. Ich habe Klarheit über meine Prioritäten gewonnen und eine innere Ruhe, auf die ich auch heute noch zurückgreifen kann.

Ich bin sehr geklärt und gestärkt daraus hervorgegangen. Diese innere Verbindung kann ich bis heute abrufen – auch vor Coachings.

Es war ein bewusster Schritt weg vom „Noch mehr lernen“ hin zum „Nach innen hören“. Das empfinde ich als große Bereicherung – persönlich wie professionell.


Susanne Plaschka:

Wenn du deinen Wunsch an deine Kund:innen in Worte fasst – was ist dir wirklich wichtig?

Heike Aiello:

Ich wünsche mir von Herzen, dass Menschen ihr Selbstbewusstsein stärken – im Sinne von Selbstklarheit und Selbstannahme.

Wer sich seiner selbst bewusst ist, braucht nicht dominant zu sein. Solche Führungskräfte können Verantwortung teilen, Räume öffnen und andere wachsen lassen.


Susanne Plaschka:

Zum Abschluss: Deine wichtigste Botschaft an Führungskräfte heute?

Heike Aiello:

Führung als Ermöglichung verstehen. Nicht alles halten, nicht alles retten – sondern Bedingungen schaffen, in denen Menschen sich entfalten können.


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Die vollständige Videoaufzeichnung zu diesem Gespräch ist per Klick auf diesen Link einsehbar. Es wird dazu ein Microsoft-Konto benötigt.


Weiterführende Angebote

1) Kontemplationstage 
Ein Rendezvous mit dir selbst. Die FUTURE-Kontemplationstage bieten den Raum dafür, dass sich Wissen von innen entfalten kann. 

2) FUTURE-Coaching-Ausbildung
Coach dich selbst und andere. Diese fundierte Coachingausbildung ist das Herzstück von FUTURE und ein als Level 2 vom ICF (Internationaler Coachingverband) akkreditiertes Ausbildungsprogramm.


Über die Autorin Susanne Plaschka

Susanne Plaschka ist langjährige FUTURE®-Trainerin, FUTURE-Coach, und zertifizierte Professional Certified Coach der International Coaching Federation. Möglichkeiten mit ihr zu arbeiten finden sich unter anderem in den oben genannten, weiterführenden Angeboten.

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